Gedanken zur Trainerentlassung

  • So ist es also nun doch gekommen, trotz Erfüllung der Saisonziele und sogar das i-Tüpfelchen mit dem Pokalsieg der erste große Titel seit fünf Jahren, wurde unser Trainer Thomas Tuchel entlassen

    Wenn ich sage, dass ich einer der Tuchel-Befürworter bin, zeigt das eigentlich schon das ganze Dilemma, in dem wir uns seit ein paar Wochen befinden. Der Verein, von Vereinigung, ist das schon länger nicht mehr, sondern es haben sich auch bei den Fans diverse Lager entwickelt.

    In den letzten Tagen sind auch so viele Gerüchte hochgekommen, wo es mittlerweile auch für beide Lager zunehmend schwieriger wird, diese Entlassung wirklich einzuordnen. Mir scheint, dass da sowohl von BVB, wie auch Tuchel-Seite irgendwelche Informationen in den Medien gestreut werden, die daraus nur noch ein undurchschaubares Mischmasch machen.

    Aber um mal meine Sicht der Dinge noch einmal zusammen zu fassen.
    Nach dem Groß der Informationen, die vor der Entlassung im Umlauf waren, sage auch ich, dass eine weitere Zusammenarbeit mit Thomas Tuchel wohl schwierig gewesen wäre. Kann also die Entlassung durchaus nachvollziehen. Denn der Zweck heiligt vielleicht einfach nicht immer die Mittel. So Verblendet bin ich trotz allem nicht, aber dennoch möchte ich da einfach mal meine Gedanken niederschreiben, die mich in den letzten Tagen etwas beschäftigt haben.

    Thomas Tuchel hat sich mit unserem ehemaligen Chefscout Sven Mislintat überworfen... angeblich wegen eines gescheiterten Transfers von Oliver Torres. Ganz ehrlich... glaubt das irgendjemand? Ich frage mich, wie EIN Transfer einen dermaßen großen Bruch verursachen kann? Für mich muss zwischen beiden etwas viel größeres vorgefallen sein, um den jeweils anderen mit absoluter Nichtbeachtung zu bestrafen. Denn auch Tuchel kennt das Geschäft und das man nicht jeden Spieler bekommen kann, den man sich wünscht. Warum der Transfer überhaupt gescheitert ist, ist ja sowieso ein Rätsel. Es gab bei Oliver Torres plötzlich einen Meinungsumschwung. Ist halt die Frage warum und was überhaupt Mislintat dann damit zu tun hat, dass Tuchel einen Groll auf ihn haben könnte. Ganz ehrlich, dass passt überhaupt nicht zusammen, gerade weil Mislintat mit den eigentlichen Transfergesprächen nichts zu tun hat, es aber bereits angeblich eine Einigung bis 2020 mit Torres gegeben haben soll.

    -- Ein Erklärungsversuch zwischen dem Verhältnis sehe ich grundsätzlich in vielen anderen Transfers, die der BVB getätigt hat. Eigentlich muss man da gar nicht weit ausholen, sondern kann da jetzt sogar zwei aktuelle Fälle nennen: Alexander Isak und der jetzt offizielle Transfer von Dan-Axel Zagadou. Hier haben wir zwei Talente, die einfach ohne Absprache des Trainers, beim letztgenannten gibt es ja nicht einmal mehr ein Trainer, verpflichtet werden und ihm einfach vor die Nase gesetzt werden mit der Bitte "Führe Sie an den Profikader heran". Ich frage mich bei sowas tatsächlich... was soll das? Und nicht zuletzt letzten Sommer gab es ja so einige Transfers, die wohl über Tuchels Kopf entschieden worden sind... ich halte das extrem schwierig für einen Trainer mit Spielern zu arbeiten, die ihm quasi ungefragt in die Mannschaft gesteckt werden. Die ganze Posse rund um Alex Isak hat für mich eigentlich auch nur das Gefühl von Real Madrid mit seinem einstigen Toptalent Martin Odegaard. Hauptsache ein Toptalent zur Unterschrift bewogen, egal ob der Trainer ihn will oder nicht.
    Ganz ehrlich, aus Tuchels Sicht könnte ich bei solchen Transfers sogar verstehen, wieso man einen Hals auf die Scoutingabteilung bekommen kann... weil die quasi einfach ihr eigenes Ding macht und mit eigenen Transferideen an die Führung herantritt und überhaupt keine Rücksicht auf den Trainer nimmt, wie er sich die Mannschaft eigentlich vorstellt.


    Thomas Tuchel hat starke Gräben innerhalb der Mannschaft erzeugt und den einen oder anderen Spieler gegen sich aufgebracht. Habe das ehrlich gesagt, als gar nicht so problematisch gefunden. Solche Gräben gibt es wahrscheinlich in jeder Mannschaft. Nur werden die halt nicht immer an die Öffentlichkeit gebracht. Ist ja immer ein Graben zwischen Spielern, die zufrieden sind und Spielern, die unzufrieden sind, weil sie nicht spielen etc.. Grundsätzlich ist Klopp ja auch gegangen, weil er nicht mehr zwangsläufig gegen manche seiner Spieler entscheiden konnte... oder wollte. Dafür kam ja auch Thomas Tuchel, um den Kader entsprechend abseits von jeglicher Verdienste aufzuräumen. Das hat er ja auch entsprechend gegen den Willen der Fans (beispielsweise Kuba) auch so getan. Jetzt beim Pokalfinale wurde ein Graben mit der Mannschaft wegen der Personalie Nuri Sahin offensichtlich. Zum einen finde ich es durchaus interessant, dass es diesen Graben augenscheinlich ausgerechnet nur zwischen Altgedienten, die teilweise sogar schon 2011 dabei waren und neuen Spielern aus der Tuchel-Ära gibt. Für mich wäre es im Pokalfinale so oder so eine Härtefall Entscheidung gewesen, auch wenn Tuchel wen anders anstatt Sahin auf die Tribüne geschickt hätte. Wenn man sich die Bank beim Finale anschaut, dann war deren Zusammenstellung durchaus nachvollziehbar. Ich weiß nicht, diese Aussage von Schmelzer für seinen "Freund fürs Leben", ganz unabhängig davon ob seine Nominierung gerechtfertigt ist, halte ich auch schon für problematisch, da bei solchen Aussagen das sportliche in den Hintergrund gerät. Mir wird in dieser Angelegenheit auch viel zu sehr einseitig von "Demontage von Sahin" berichtet. Das Tuchel diese Entscheidung so spät verkündet hat, kann auch schlicht damit zusammen hängen, dass die Entscheidung, wen man auf die Tribüne schickt, eben nicht so einfach auf der Hand lag. Das Verhältnis zwischen beiden mag vielleicht nicht das beste gewesen sein, was wohl auch sicherlich daran liegt, dass Tuchel in Sahin einfach keine Kernkomponente unserer Mannschaft sah, was für mich auch schlicht daran liegt, dass Nuri seit seiner Rückkehr niemals wieder so gut spielte, wie 2010/2011. Er hat sich in nur wenigen Spielen wirklich unverzichtbar gemacht... bei guten Leistungen, wurde er aber auch von Tuchel eingesetzt. Mehr kann man eigentlich auch von einem Trainer nicht erwarten. Ein Trainer sollte einen Spieler nicht immer mit durchschleppen in der Hoffnung, dass er mal zündet... sie müssen wirklich am Spieltag funktionieren. Aber sportlich muss man Tuchel ja nicht einmal was vorwerfen, wie wir alle wissen. Hatte da auch ehrlich gesagt immer den Eindruck, dass da ein Leistungsprinzip greift. Denn auch ein Aubameyang wurde mal vom Platz geholt, wenn es bei ihm nicht lief.


    Was mich ehrlich gesagt am meisten an dieser Entlassung schockiert ist allerdings nach wie vor die Art und Weise, wie diese in die Wege geleitet wurde. Tuchel wurde von unserer Vereinsführung vor ein paar Wochen den Medien zum Fraß vorgeworfen. Ich empfinde das als einfach nur ganz schlechten Stil, der unserem Verein einfach unwürdig ist und diesem aus meiner Sicht auch ziemlich geschadet hat. Und nein, ich vertrete auch nicht der Meinung, dass Thomas Tuchel so eine öffentliche Demontage verdient hatte, denn trotz all der Schwierigkeiten die Tuchel womöglich verursacht hat, blieben diese doch stets intern, fernab der Öffentlichkeit. In dieser Angelegenheit hat sich einfach unsere Führung als extrem hässlich gezeigt, was auch eigentlich mein Vertrauen in diese etwas erschüttert hat, was sie im Laufe der vergangenen Jahre aufgebaut hat. Für mich war das einfach nur ein Rückfall in die Zeiten des Chaosklubs BVB vor ungefähr 10 Jahren... wer sich an Bert van Marwjik und Jürgen Röber und deren Umgang in der Öffentlichkeit von unserer Vereinsführung erinnert, wird wohl wissen, was ich meine. Dieser offene Brief von Watzke empfinde ich auch nur als unnötiges Nachtreten, welche auch nur unnötig beide Seiten zusätzlich beschädigt.

    Am Ende hinterlässt diese Entlassung nur einen schlechten Geschmack, die eigentlich auch nur Verlierer hervorgebracht hat.
    Das diese Entlassung schon von langer Hand vorbereitet wurde, die aktuelle Trainersuche aber darauf hindeutet, als sei man nicht darauf vorbereitet gewesen, passt da irgendwie nur ins Bild, was diese Entlassung allgemein in ein seltsames Licht rücken lässt. Und nein, ich glaube nicht daran, dass das Gespräch nach der Saison wirklich auf Augenhöhe und "Ergebnisoffen" geführt wurde.

    An dieser Stelle danke ich trotzdem Thomas Tuchel für zwei höchst erfolgreiche Jahre beim BVB, die mit dem Pokalsieg einen Höhepunkt fanden und damit auch für all das entschädigte, was wir auch in seiner ersten Saison über uns ergehen lassen mussten (Liverpool, Pokalfinale). Ein Pokalsieg, den ich leider als viel zu wenig geschätzt sehe. Sowohl von den Fans, als auch von unserem Verein als ganzes.
    Und das, ist leider auch ein großes Dilemma für unseren Verein, das zeigt, wo wir gelandet sind.

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Kommentare 4

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    Goffy2401 -

    Mein Empfinden. Danke.

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    angel74 -

    Toller Blog! Danke dafür!

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    Socke -

    Ich hätte es an einigen Stellen anders formuliert, doch besser wäre es mit Sicherheit nicht geworden. 1909% sign

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    BVBTreuEr -

    1909x Daumen hoch, @deepstar! Und vielen Dank für diesen Blog, dem ich im Grunde nichts hinzuzufügen habe, weil ich die ganze (in diesem Fall für den BVB äußerst unrühmliche) Geschichte genauso sehe! Vor einiger Zeit verpasste ich mir selbst einen Maulkorb, dieser Thematik betreffend, da ich von einigen Usern wegen meiner dahingehenden Meinungsäußerung teils "hart angegriffen" wurde. Aber Dein Blog zeigt mir, dass nicht nur ich den Ablauf der Tuchel-Demontage genauso bzw ähnlich - zumindest aber NICHT durch die unbedingte GF-treue Brille sehe!