Und am Ende der dunklen Gasse erstrahlt die Gelbe Wand!

  • Wir sind alle am Borsigplatz geboren.
    Haben früh schon doch für alle Zeiten unser Herz verloren.
    Wir spürten, dass egal wohin die Fußballwelt sich dreht,
    Borussia Dortmund niemals untergeht.

    Schwere Tage liegen hinter uns. Hinter uns Fans, hinter unseren Jungs, hinter unserem Verein. Der feige Bombenanschlag auf unseren Mannschaftsbus hat nicht nur Borussia Dortmund in seinen Grundfesten erschüttert. Nein, er hat den ganzen Fußball erschüttert.

    Auf ein solches Szenario war niemand vorbereitet. Auch die Altherrenriege der UEFA stand plötzlich vor einem Problem; einem, das sie nicht in ein paar Monaten mal zusammen besprechen konnten. Dieses Problem konnte nicht warten, bis das Seniorenheim mal wieder Wandertag hat. Es musste sofort gelöst werden.

    Und was tat man? Man hielt sich an die Vorgaben. So, als sei das Viertelfinalhinspiel zwischen Borussia Dortmund und der AS Monaco aufgrund von Unwetter ins Wasser gefallen. Warum auch komplizierter machen? Holte man das Spiel einfach knapp vierundzwanzig Stunden später nach. Problem gelöst – zumindest für die UEFA.

    Aber es war eben kein Unwetter, das einen Anpfiff an diesem Dienstagabend nicht zuließ. Es war nichts, was man mit irgendwelchen Vorgaben regeln konnte. Hier hätte es Fingerspitzengefühl gebraucht. Noch bevor überhaupt wirklich klar war, was passiert war und wie es den Spielern ging, stand der neue Termin schon fest.

    Die Spieler? Ihr psychischer und physischer Zustand? Egal. Geld regiert die (Fußball-)Welt. Und wenn nicht gespielt wird, gibt's kein Geld. Und damit immer gespielt wird, spannt man die Klubs in Verträge ein, aus denen es kein Entkommen gibt. In einem Sky-Bericht wurde letztlich bekannt: hätte Borussia Dortmund sich geweigert zu spielen, hätten sie 60 Millionen (!) Euro an die UEFA zurückzahlen müssen.

    Und natürlich war die Politik gleich mit dabei. Man lasse sich die Freiheit nicht durch Terroristen nehmen, hieß es. Unsere Jungs spielten „für die Freiheit“. Blödsinn! Sie spielten für die Geldgier des Geschäfts Fußball. Nichts anderes. Es hatte m.E. nichts mit Freiheit zu tun. Freiheit wäre es gewesen, wenn die Spieler wenigstens die Wahl gehabt hätten, ob sie spielen wollen.

    Klar, die Spieler hatten die Wahl. Also theoretisch. Aber wie stehst du denn auf einmal da, wenn dir von der Politik gesagt wird, du spielst heute für die Freiheit, und dann sagst du Nein? Zeit, um die schrecklichen Erlebnisse zu verarbeiten? Fehlanzeige. Die UEFA und die Politik hatten längst alles geklärt. Und unsere Jungs? Sie mussten eben funktionen. Eine Wahl hatten sie kaum.

    Und da verneige ich mich! Ich verneige mich vor ihnen, unseren Jungs! Dafür, dass sie es geschafft haben! Geschafft haben, die Abgründe der UEFA zu überstehen. Wie nahe es ihnen ging, sah man spätestens nach den Tränen in ihren Augen. Nicht nur nach diesem Hinspiel, auch noch einige Tage später beim Ligaspiel gegen Eintracht Frankfurt.

    Die Tage zuvor, unsere Jungs hätten sie gebraucht. Gebraucht, um bei ihren Familien zu sein. Um ihre Frauen und Kinder in die Arme nehmen zu können, anstatt auf den Rasen geschickt zu werden. Einfach mal Ruhe. Ruhe vor dem Fußball. Sie spielen Fußball, weil sie Fußball lieben. Doch an diesem Mittwochabend wurden sie auf einmal Vorbilder; aber wohl nur für die Politik.

    Und ich bin mir sicher, man hätte eine andere Ansetzung dieses Champions-League-Spiels hinbekommen – wenn man es denn gewollt hätte. Aber dafür hätten die Verantwortlichen bei der UEFA ja mal ihren Arsch hochkriegen und sich mit den jeweiligen Landesverbänden absprechen müssen.

    Am Ende war es dann doch kein „klassischer“ Terrorist, der unsere Mannschaft umbringen wollte. Es war einfach ein Vollidiot, der glaubte, er könnte damit an der Börse Geld machen. Das macht die Sache zwar nicht besser. Aber „für die Freiheit“ hätte man unsere Jungs keine vierundzwanzig Stunden nachdem sie nur knapp mit dem Leben davonkamen nicht aufs Feld schicken müssen.

    Ich hoffe nur, dass die Politik und die UEFA in Zukunft anders mit solchen Situationen umgehen. Dass sie realisieren, dass die Spieler in dieser Situation die Opfer sind – und nicht als Vorbild herhalten müssen. Aber eigentlich hoffe ich, dass sowas nie wieder passiert. Nicht bei uns, und auch bei keinem anderen Verein.

    Unseren Jungs wünsche ich bloß, dass sie das Erlebte verarbeiten können. Wenn nicht jetzt sofort, dann in der Sommerpause. Und dass sie sich zur neuen Saison wieder dem widmen können, was ihnen sonst am meisten Freude bereitet: Fußball spielen. Diese Saison, sie hat nach dem Anschlag keine größere Bedeutung mehr; sie muss bloß zu Ende gebracht werden.

    Es gab Zeiten, da gings uns richtig schlecht.
    Wir blickten in den Abgrund, und schworen uns: jetzt erst recht!
    Gemeinsam durch das Tränental, geschlossen Hand in Hand
    und am Ende der dunklen Gasse erstrahlt die Gelbe Wand!

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Kommentare 10

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    bvbRotti -

    Auch hier gilt, wie schon bei Björn, dass ich diesen Teil LEIDER zu wenig beachte, obwohl beachtliche Schriftstücke hier zu finden sind. Danke! für die Worte und Danke! dafür, WIE du sie gewählt hast - nämlich abgewogen. Das wäre mir zu dem damaligen Zeitpunkt nicht gelungen. Nochmals, sehr schön.

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    Lexa2010 -

    Super Blog

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    usbjt -

    Danke. Toller Blog, @Engin , toller Kommentar, @Deepstar .

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    Deepstar -

    Ja, das eine Länderspiel wurde ja mal abgesagt wegen der Terrorwarnung. Da musste die Nationalmannschaft nicht 24 Stunden später "Für die Freiheit" spielen. Ein Freundschaftsspiel, was den wesentlich besseren Rahmen dafür hergegeben hätte... nein, das wird nicht gespielt. Aber ein Spiel, wo die sportliche Bedeutung nicht weg zu diskutieren ist, ja das muss natürlich gespielt werden... nur taugt so ein Spiel wohl kaum für irgendeinen "freiwilligen" Rahmen wie "Für die Freiheit und unsere Werte". Das ist ein Spiel, was gespielt werden musste. Wenn nicht am Mittwoch, dann theoretisch an irgendeinem anderen Zeitpunkt. Niemand hatte die Wahl freiwillig für irgendwelche Werte zu stehen. Zu spielen, weil es die Person wollte, um ein Zeichen zu setzen. Nee, denn diese Spiele werden ja kurzerhand abgesagt "Um die Bevölkerung nicht zu beunruhigen" oder so ähnlich. Die Mannschaft von Borussia Dortmund wäre aus Geldgier fast getötet worden... und musste aus finanziellen Knebelverträgen, aka Geldgier, spielen. Muss man ja leider so sagen. "Bei einem Todesfall hätte kein Spiel stattgefunden" sagte dieser FIFA Sicherheitsexperte neulich... man kann nicht einmal sagen, ob an diesem Dienstag da nicht seelisch jemand getötet wurde. Weil wer weiß denn schon, ob dieser Anschlag da nicht eine ganze Persönlichkeit geändert hat?

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      Engin -

      Die Sache mit dem FIFA-Typen, der meinte, dass das Spiel bei einem Todesfall abgesagt worden wäre, habe ich auch noch in Erinnerung; hatte auch kurz überlegt, ob ich das noch mit in meinen Blog schreiben sollte. Die Sache ist, dass die UEFA erst bei einem Todesfall reagiert hätte. Dass es beinahe einen gegeben hätte, wenn man die Metallstücke betrachtet, interessiert in dem Laden niemanden. Die sollten sich allesamt mal an den Kopf fassen und sowas wie Empathe entwickeln, anstatt ihre Geldgier auf den Höhepunkt zu treiben.

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    Engin -

    Dankeschön. :)

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    angel74 -

    Tolle Worte !Danke

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    Bdn130671 -

    Danke, toller Blog. Seit dem alten Rom hat sich nicht viel geändert. Brot und Spiele und unsere Spieler sind die Gladiatoren, die verheizt werden, wenn die Imperatoren der UEFA den Daumen senken. Die Totgeweihten grüßen euch...

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    Borussina -

    Schön wäre es, wenn die UEFA erkennt, dass Spieler Menschen sind. Toll geschrieben, Engin.