Thomas Tuchel ist der schlechtere Jürgen Klopp, und warum dieser Vergleich komplett sinnlos ist.

  • Ja, die Überschrift ist verdammt provokant - auf den ersten Blick, doch der folgende Nebensatz versöhnt. Mein Anliegen ist es, möglichst fern von Emotionen einen Vergleich zwischen beiden Trainern zu ziehen, so es einem Außenstehenden halt möglich ist.

    Als JK 2008 den BVB übernahm, setzte er konsequent auf seine Idee, durch junge Spieler etwas aufzubauen. Dies ging nicht ohne einen großen Kehraus und massive Einkäufe oder Beförderung von Jugendspielern. 14 Abgängen standen 13 Zugänge im Sommer 2008 gegenüber. Deutlicher ist ein Umbruch nicht zu vollziehen, allerdings fand dieser ersten Umbruch in einer Phase statt, in der wir Fans leidgeprüft und nicht vom Erfolg verwöhnt waren. Sicherlich, einige der damaligen Zu- und Abgänge kennt heute kaum noch jemand, ohne Nachzuschlagen wären mir niemals Namen wie Lukas Kruse, Christopher Kullmann, Young Pyo Lee oder Bajram Sadrijaj (Zugänge), sowie Alex Bade, Patrick Njambe oder Nico Hillenbrand (Abgänge) in den Sinn gekommen.
    Sicherlich - viel Füllstoff aus der Zeit davor, als man die Messlatte nicht so hoch hing. Aber unter den Abgängen waren auch klangvollere Namen wie Wörns, Degen, und Mladen Petric.

    2009 folgte gleich die nächste spannende Transferperiode. Missverständnisse wie Boateng und Lee gingen nach 6 bzw. 12 Monaten, dazu noch Alex Frei und Florian Kringe, und es wurde wieder groß eingekauft: Barrios, Bender, Großkreutz, Götze aus der Jugend. Von den Amas kan ein ganzer Schwung in den Profikader, ohne dass auch nur ein Spieler sich etablieren konnte. Einkäufe wie Damien le Tallec (Riesentalent) und Rangelov brachten weniger als Nichts.

    Sportlich lief es die ersten beiden Jahre auch nicht wirklich stolperfrei: Gute erste Saison, aber ganz bitter das internationale Geschäft verpasst, und dann im Sommer 2010 der 5. Platz sehen auf den ersten Blick gut aus, aber zwei recht frühe Aus im Pokal konnten nicht vollends befriedigen. Auf jeden Fall gab es auch damals Stimmen, welche sich kritisch zu JKs Philosophie äußerten.

    Die folgenden drei Jahre dann gehörten mit zum Besten, was wir als Fans unseres Vereins jemals zu sehen bekamen. 2010 war das Jahr einiger sensationeller Zugänge (Shinji sofort, Lewa mit Anlaufzeit!) und der ersten Meisterschaft. Das frühe Aus im Pokal und in der Euroleague fiel daher nicht ins Gewicht, was bei einem erneuten 5. Platz etwa vermutlich ganz anders ausgesehen hätte.

    2011/2012 folgte das Double, das frühe Ausscheiden in der CL war nur ein kurzer Dämpfer. Leider war es auch die letzte Saison mit Titel, das darf trotz Allem nicht vergessen werden.
    Zudem war zwar der Einkauf von Gündogan ein super Deal, dagegen erfüllten Löwe, Leitner und Perisic nie die in sie gesteckten Hoffnungen.

    Leider blieb uns 2013 die Krönung gegen 12 Gegner im Champion-League-Finale versagt, und weitere Vize-Titel brachten immer mal wieder die Hoffnung auf den großen Wurf zurück, doch 2014/2015 stürzte die Fußballwelt fast über uns zusammen, und die Ära Klopp war vorbei. Die erfogreichste Ära der jüngeren Geschichte, emotional so viel wertvoller als die Titel der 90er-Jahre, welche wir so bitter bezahlen mussten.

    Was bleibt als nüchternes Fazit? Die Erkenntnis, dass wir mit JK den besten Trainer für diese Zeit hatten, dass er es geschafft hat, einer "grauen Maus" wieder Leben einzuhauchen. Es bleibt die Erinnerung an wahnsinnig emotionale Momente, an Sensationen, Erfolge, Tränen, mitreißenden Fußball.
    Es bleibt natürlich auch die Erinnerung an sensationelle Transfers, welche dafür gesorgt haben, dass wir die zahlreichen Fehleinkäufe und Fehleinschätzungen vergessen haben.
    Es bleibt somit die Erinnerung an eine tolle Zeit, welche aber auch immer mal von Fehlern begleitet war, und welche einen zweijährigen Anlauf brauchte, in denen manche das Projekt JK gescheitert sahen. Zu Unrecht...

    Und heute? Heute sind wir im zweiten Jahr unter TT. Leider sind wir aber vom Kopf her auch immer noch im Jahr 2 nach JK, und hier fängt es an, an der Großhirnrinde zu kribbeln... Warum muss so oft noch der Vergleich der Beiden herhalten. Vielleicht liegt es ja auch daran, dass JK zumindest etwas geholfen hat, seinen Nachfolger beim BVB in Stellung zu bringen. Kam hier die Hoffnung auf, dass er sozusagen seinen Klon gefunden hätte? (Eine Einschätzung oder eben Hoffnung, welche sich rein emotional als tiefgreifend falsch herausgestellt hat!)
    War aber vielleicht auch das erste Jahr unter TT Schuld? Wurden hier die Erwartungen zu hoch gesteckt? Mit Sicherheit kann ich für mich sagen, dass ich nach einem - sagen wir 4. Platz in der letzten Saison - unbewusst eine andere Erwartung an Mannschaft und Trainer gehabt hätte als nun.

    Daher denke ich, dass wir hier ansetzen sollten: Lasst uns den Umbruch von heute mit JKs Radikalumbruch 2008/2009 vergleichen. Erinnern wir uns daran, dass es auch damals Momente gab, wo einige alles und viele manches hinterfragten oder in Frage stellten. Und lasst uns Vertrauen haben, dazu geben viele Leistungen mehr als genug Grund.
    Und lasst uns von dem Gedanken an einen ewigen Vergleich loslassen. Denn: Zuviel Erinnerung und Nostalgie ist ein Hemmschuh der Entwicklung.

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Kommentare 6

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    Borussina -

    Crazybird, dass Problem ist m.E. nicht, dass "wir" Tuchel keine Chance geben oder geben wollen, aber er nimmt uns nicht mit. Ergrenzt die Fans - bewusst oder unbewusst - aus. Wie Fans sind für ihn gefühlt nicht existent. Tuchel redet auf Pressekonferenzen wie ein Wasserfall, aber nur zu Taktiken etc. M.E. muss ein Trainer, der so einen emotionalen Verein wie den BVB (das gilt auch z.B. für Schalke) vertritt auch etwas von sich geben. Er muss auch einmal über seinen Schatten springen und auf Fans etc. zugehen. Tuchel macht da eher einen autistischen Eindruck (nicht böse oder abwertend gemeint). Natürlich muss er sich nicht verbiegen, aber so abgeschottet wie er vor sich hinpröttelt geht es nicht. So wie wir uns auf Tuchel einstellen müssen und wollen, so muss er sich auch auf den BVB und seine Fans einstellen und einlassen wollen. Den Eindruck macht er bisher noch nicht. Und weil er die Fans gar nicht einbezieht, wirkt z.B. sein Ausfall gegen Frankfurt unberechenbar, genauso im Pokalfinale, als er den verletzten Hummels öffentlich hingehängt hat. Das alles trägt nicht dazu bei Tuchel Sympathien entgegenzubringen. Dabei könnte er mit ganz wenig Entgegenkommen sicherlich auch die Fans für sich einnehmen. Daran scheint er jedoch kein Interesse zu haben.

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      CrazyBirds -

      OK, da stimme ich Dir zu! Gegenargumente zu finden, wird schwierig. Aber ich hoffe, dass auch dieser Aspekt von TT in der nächsten Zeit angegangen wird.

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    BVBTreuEr -

    Super, Dein Beitrag, den ich inhaltlich unumwunden unterschreibe!!!

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    Bdn130671 -

    Vielen Dank für Deinen Beitrag! Aus rein neutraler Sicht hast Du mit Sicherheit Recht. Aber ich bin Fan und als solcher weder objektiv, noch neutral oder emotionslos. Du vergleichst die Anfangszeiten von Klopp und Tuchel, lässt dabei aber außer Acht, welche Verhältnisse Klopp hier vorgefunden hat. Ein zutiefst zerstrittener Verein. Fans ohne Bindung zu einer Mannschaft, die teilweise wie ein Hühnerhaufen über den Platz geirrt ist. Ein Verein, der finanziell immer noch unter dem Schockzustand der Fastpleite litt. Und dann kam dieser Jürgen Klopp. Dessen erste Amtshandlung es war, sich mit Fan-Vertretern zu treffen, um denen, sprich uns (!), seinen Weg zu erklären. Uns keine Titel versprach, sondern geilen Fußball. Eine Mannschaft, die auch wenn sie verlor, alles raushauen würde. Er hielt Wort. Er hat mich mitgenommen auf diesen Weg. Er war manchmal holprig, aber man spürte, dass etwas zusammenwuchs, was in etwas ganz Großem enden würde. Thomas Tuchel hat uns noch nicht einmal direkt angesprochen. Kein „die Mannschaft gibt Samstag alles und wenn ihr auf den Tribünen auch alles gebt, können wir was geiles zusammen erreichen“. Wir Fans werden von Tuchel ausgeschlossen, nicht wahrgenommen. Keiner fragt uns, ob wir mit dieser Art Fußball was anfangen können. Keiner erklärt mir, warum Kuba nicht mehr gut genug war. Momentan würde ich keinem Spieler zutrauen, dass er mit uns Fans zusammen auf der Straße feiert. Alles wirkt nur noch kühl und distanziert. Und ein Baustein davon ist Tuchel, der genau das ausstrahlt. Er muss ja nicht den Clown spielen. Einfach mal sagen, wie wichtig wir Fans und die Stimmung im Stadion sind. Ihm würde auch kein Zacken aus der Krone fallen, wenn er einfach mal so etwas sagen würde, dass auch er ein kleines bisschen verliebt in diesen Verein ist. Klopp hat ein schweres Erbe hinterlassen und ich würde wetten, mit seinem „vergleicht nicht“, wollte er genau das bezwecken. „Seht mal, was jetzt nach mir kommt!“. Es ist nicht leicht, aber sich ein wenig Mühe geben, würde auch nicht schaden.

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      CrazyBirds -

      Danke Dir für Deine ausführliche Antwort :) Ich denke schon, dass ich versucht habe, aufzuzeigen, welche Verhältnisse Kloppo hier vorgefunden hat. Vielleicht hätte ich da aber noch stärker drauf eingehen sollen. Womit Du selbstverständlich Recht hast, ist die Art und Weise der Kommunikation. DAS Kuba keine vollwertige Alternative mehr war z.B., bezweifel ich gar nicht mal, aber die Art und Weise auch in der Kommunikation war schlecht für uns Fans. Daher gebe ich Dir Recht, wenn Du sagst, man kann als Fan nicht ganz emotionslos sein. Ich wollte auch keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit oder "die Wahrheit" erheben, sondern aufzeigen, wo ich auch(!!) die Probleme sehe. LG CB

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    malenkov58 -

    Danke! Gut gemacht!