Komfortzone Doppelsechs? Sechs Spieler unter der Lupe.

  • Thomas Tuchel hat auf der oder je nach Spielformation auch den Sechserpositionen eine große Auswahl an Topleuten. Angefangen von erfahrenen Spielern wie Kirch und Castro, über hoffnungsvolle Talente wie Weigl und auch Ginter, bis hin zu den bereits international begehrten Akteuren Sahin und Gündogan. Alles in allem stehen ihm, den eigentlich als Innenverteidiger geholten Ginter und den Rückkehrer Leitner mal nicht mitgezählt, sechs Spieler zur Verfügung - und das für eine Position, die es eigentlich höchstens zweimal in einem schwarzgelben Spielsystem gibt. Doch ist es tatsächlich eine Komfortzone? Dieser Frage möchte ich in meinem heutigen Blog nachgehen, die einzelnen Spieler beleuchten und die meines Erachtens am besten harmonierenden Akteure dort nennen.

    Lange Zeit war man sich eigentlich sicher, dass Ilkay Gündogan, der 2011 vom 1. FC Nürnberg nach Dortmund gewechselt war, nach der vergangenen Spielzeit nicht mehr hier spielen würde. Besonders der amtierende Champions-League- und UEFA-Supercup-Sieger stand in der Diskussion. Angeblich soll der FC Barcelona bereit gewesen sein, 20 Millionen Euro und mehr für Gündogan zu zahlen - und das, obwohl der 24-jährige nach seiner über 400 Tage andauernden Verletzungspause nicht wirklich zurück ins Spiel fand, was angesichts einer mäßigen Spielzeit der Klopp-Elf auch nur schwer möglich war. Doch Thomas Tuchel sprach - er sprach mit Gündogan und überzeugte ihn, die schwarzgelbe Zukunft doch weiter mitzugestalten. So verlängerte "Illy" in Dortmund seinen Vertrag um ein Jahr bis Sommer 2017.

    Unter Tuchel fand Gündogan zurück zu (fast) alter Stärke und tankte neues Selbstvertrauen. Er überzeugte seinen neuen Übungsleiter sogar soweit, dass man ihn durchaus als Stammspieler bezeichnen kann - ein Privileg, das den anderen Spielern nicht zusteht. Doch Gündogan spielt auch im 4-2-3-1-System nicht den klassischen Sechser, der vor der Abwehr alles abräumt, meist ist er Achter und eine der prägenden Figuren im Spielaufbau. Er ist es auch, der beim Aufrücken aus einem 4-2-3-1 ein 4-1-4-1 macht. Wenn er sich weiterhin so entwickelt, wie es die ersten Pflichtspiele erahnen lassen, dann wird er meines Erachtens ein sehr wichtiger Baustein im Spielaufbau und auch im Ballbesitzspiel werden. Unscheinbar und doch prägend.

    Sein einstiger Vorgänger war Nuri Sahin. Der türkische Nationalspieler war der Spieler in der Meistersaison 2010/11 und arbeitete sich zum Spielmacher hoch - war quasi der Motor der jüngsten Meistermannschaft aller Zeiten. Nach einer perfekten Saison verließ er im zarten Alter von 22 Jahren den Verein, in dem er bereits in der Jugend das Ein-mal-eins des Fußballs lernte. Er erfüllte sich seinen Traum und wechselte nach Madrid zu den Königlichen. Durchsetzen konnte er sich in der spanischen Hauptstadt jedoch nie, kam nicht über die Edel-Reservisten-Rolle hinaus. Nach einer Leihe zum FC Liverpool verlieh ihn Real Madrid schließlich an Dortmund inklusive Kaufoption. Im Januar 2013 kehrte der verlorene Sohn heim und selbstverständlich zogen die Verantwortlichen die Kaufoption.

    Auch er gehört wie Gündogan zu den Spielern, die lieber etwas weiter vorne agieren und meist auf die Achterposition vorrücken. Vom Spielstil her ähneln sich die beiden Deutsch-Türken - beide gehören in die Kategorie Spielmacher. Zusammen auf dem Rasen gehören sie zu den Spielern, die entscheidend für Sieg oder Niederlage sein können. Sie bilden meine absolute Lieblingsdoppelsechs bzw. -acht. Dennoch sind sie in bestimmten Spielen zusammen nicht meine erste Wahl. Vor allem in Spielen, in denen es deutlich härter zugeht, sollte zumindest einer der beiden seinen Posten räumen. Erstmal gilt für den mittlerweile 26-jährigen Nuri Sahin allerdings, wieder fit zu werden. Er verpasste die gesamte Vorbereitung, befindet sich aber auf einem guten Weg - doch auch er muss sich unter Tuchel neu beweisen.

    Einer dieser harten Spieler, die bis an und auch über die Schmerzgrenze hinaus gehen, ist Sven "Manni" Bender. Der Iron-Man ist sich für kein Kopfballduell zu schade, spielt auch mit gebrochener Nase noch weiter und wirft sich in jeden Zweikampf. Wo andere Spieler zu Boden gehen und liegen bleiben, bleibt er stehen und erobert für seine Mannschaft den Ball zurück. Mittlerweile gehört der 26-jährige zu den dienstältesten Borussen, kam 2009 vom TSV 1860 München ins Ruhrgebiet. Bei Borussia Dortmund reifte er zum Nationalspieler und bildete mit Sahin 2011 die "Meister-Doppelsechs". Im Gegensatz zu den beiden Spielmachern ist er jedoch ein Sechser, wie er im Buche steht - der Abräumer vor der Abwehr.

    Bender ist ein reiner Ballgewinner und braucht an seiner Seite oder vor sich auf jeden Fall einen Kreativspieler, den er anspielen kann. Als Aufbauspieler ist er eher ungeeignet, aber das lässt er in seiner Spielweise durch sein absolutes Kämpferherz vergessen. An der Seite von Nuri Sahin fühlte er sich, gemessen an den gesammelten Punkten, auch nach dessen Rückkehr am wohlsten. Ihn konnte er stets direkt anspielen und so Angriffszüge einleiten. Ich bin mir jedoch sicher, dass er auch mit Gündogan harmonieren würde. Besonders in Spielen gegen große Vereine wie Bayern München oder Real Madrid kann er Gold wert sein und treibt seine gut (über)bezahlten Gegenspieler gerne in den Wahnsinn.

    Ein weiterer Akteur, der sowohl auf der Sechs, als auch auf der Acht und sogar auf der Zehn spielen kann, ist Gonzalo Castro. Der ehemalige Nationalspieler kam im Juli von Ligakonkurrent Bayer 04 Leverkusen. Dort hatte der 28-jährige seine Karriere in der Jugend begonnen und gehörte insgesamt zehn Jahre lang dem Bundesliga-Kader der Werkself an. Die Dortmunder Verantwortlichen holten ihn eigentlich als Nachfolger für Gündogan, doch dann blieb dieser und so hat Thomas Tuchel nun beide in seiner Mannschaft. Castro bewies in seinen ersten Spielen für Borussia Dortmund, dass er im zentralen Mittelfeld von defensiv bis offensiv alles spielen kann. Vom Spielertyp her, kann ich ihn noch nicht ganz einschätzen, habe aber einen guten Eindruck von ihm.

    Ich glaube, dass "Gonzo" eine Mischung aus Bender und Gündogan ist. Er geht hart, aber nicht ganz so hart in die Zweikämpfe wie Bender, hat dafür aber ein stärkeres Füßchen wenn es um den Spielaufbau geht. Als klassischen Spielmacher würde ich ihn nicht bezeichnen, aber auf jeden Fall ist er nicht bloß Ballgewinner - so viel dürfte wohl feststehen. Zudem kommt seine nationale und internationale Erfahrung aus über 250 Bundesliga-Spielen und über 30 internationalen Auftritten für die Werkself hinzu, die ihn zu einem kompletten Spieler machen. Gemessen an seiner erbrachten Leistung in den vergangenen Jahren und seiner fußballerischen Klasse, sind die etwas mehr als zehn Millionen Euro an Ablöse sogar noch günstig. Ich freue mich auf jeden Fall auf seine Auftritte.

    Ebenfalls ein Neuzugang ist der 19-jährige Julian Weigl, der nach seinem ersten Auftritt in der Bundesliga gleich in den Himmel gelobt wurde. Wie auch Sven Bender, kommt auch er aus München, wo er beim TSV 1860 ausgebildet wurde. Für günstige zweieinhalb Millionen Euro, wurde er von den Verantwortlichen eigentlich als Perspektivspieler verpflichtet - und doch überzeugte er Tuchel so sehr, dass der ihn gleich am ersten Spieltag in die Startelf stellte. Es gibt einige im Forum, die in Weigl ein sehr großes Talent sehen. So zahlte z.B. @Sankar im kicker-Manager-Spiel mehr als das Dreifache des Marktwertes, um den U20-Nationalspieler in seine Mannschaft zu holen - und er war nicht der einzige, der über Marktwert bot, aber derjenige, der am meisten zahlte.

    Festzuhalten bleibt, dass wohl die meisten hier im Forum, mich eingeschlossen, sehr viel von Weigl halten und in ihm ein enormes Potenzial sehen. Im vergangenen Jahr führte er die Münchner Löwen zu Saisonbeginn sogar als Kapitän aufs Feld, wurde jedoch nach einer wohl unschönen Taxifahrt gemeinsam mit beteiligten Teamkollegen in die zweite Mannschaft degradiert. Doch wie bekannt, lernt man aus Fehlern und ich glaube, dass auch er daraus gelernt hat und dass es ihn in gewisser Weise sogar stärker gemacht hat. An der Seite von Ilkay Gündogan machte er bei seinem Bundesliga-Debüt auf jeden Fall einen sehr reifen Eindruck und war nicht der ungeliebte Jungspund auf dem Rasen, dem seine Mitspieler nur ungern den Ball zuspielen. Er war vollkommen ins Spielgeschehen eingebunden und gehörte zu den stärksten Spielern auf dem Platz.

    Zuletzt bleibt noch Oliver Kirch zu nennen. Mit seinen 32 Jahren ist er sozusagen der "Mannschafts-Opa" - und das meine ich in keiner Weise abwertend. Dass er mit seinen jungen Kollegen mithalten kann, hat er in mehreren Champions-League- und Bundesliga-Spielen in den vergangenen Jahren ansehnlich unter Beweis gestellt. Er ist zudem eines der besten Beispiele dafür, dass Jürgen Klopp sogar ältere und erfahrenere Spieler weiterbringen konnte. Kirch kam mit bereits 29 Jahren vom 1. FC Kaiserslautern nach Dortmund und erlebte hier die Krönung seiner Karriere. Er ist ein mehr als würdiger Ersatzmann auf der Sechserposition. Doch noch immer ist er verletzungsbedingt noch nicht wieder mit dabei und hat neben Rückkehrer Moritz Leitner die wohl schlechtesten Karten auf Einsatzzeit.

    Es bleibt die Frage, ob er seine Karriere in Dortmund beenden oder doch nochmal eine neue Herausforderung suchen wird. Bei Moritz Leitner stehen alle Zeichen auf Abschied. Er konnte Thomas Tuchel nicht von sich überzeugen und hat vermutlich keine Zukunft mehr in der Mannschaft. Nun muss sich wohl nur noch ein Abnehmer für den 22-jährigen finden und dann werden sich die Wege endgültig trennen. Es ist für beide Seiten wohl die beste Lösung, denn es bringt einem jungen Spieler nichts, bloß die Reservistenrolle auszufüllen. Insgesamt besitzt Schwarzgelb derzeit also sieben Spieler, die im zentralen (defensiven) Mittelfeld spielen können. Die Frage ist: Wer wird denn dann spielen?

    Meine persönliche Ansicht auf dieses Thema ist, dass es stets eine Ausrichtungsfrage ist. Gegen Mannschaften wie den FC Bayern München würde ich beispielsweise auf einen "Abräumer" und einen Kreativspieler setzen. Das Duo würde dann vermutlich Bender/Sahin oder Bender/Gündogan heißen. Der eine zum Ballgewinnen, der andere zum Kontern. Bei Spielen gegen Teams, die auf Konter setzen, wie es eben Borussia Mönchengladbach machte, wären meine erste Wahl zwei ball- und passsichere Spieler, so wie es mit Weigl/Gündogan der Fall war, aber auch Gündogan/Sahin und Castro/Gündogan würde ein passendes Paar abgeben. Mein Lieblings-(Spielmacher-)Duo Gündogan/Sahin könnte zudem gegen Mannschaften zum Einsatz kommen, die bloß darauf bedacht sind, Gegentore zu verhindern und somit mit elf Spielern im eigenen Strafraum stehen (der Hamburger SV beispielsweise...
    ;) ).

    Um zu meiner anfänglichen "Komfort-Frage" zurückzukehren: Eine Komfortzone ist die Doppelsechs höchstens für den Verein - für die Spieler ist es eher zu vergleichen mit einem Haifischbecken. Aber der enorme Konkurrenzkampf stachelt auch an (positiv natürlich) und so werden wir meines Erachtens in jedem Spiel zwei zentrale Mittelfeldspieler haben, die 190,9 Prozent aus sich herausholen, um dem Trainer zu zeigen, dass sie die richtige Wahl waren. Meine besten Wünsche gehen also an Ilkay Gündogan, Nuri Sahin, Sven "Manni" Bender, Gonzalo Castro, Julian Weigl und Oliver Kirch! Ich freue mich auf eine angenehme Saison mit euch!
    :)

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Kommentare 1

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    Skeletor1909 -

    Guter Agrtikel. Die Transferhistorie der einzelnen Spieler ist mir etwas zu lang und auf einem BVB Forum auch überflüssig und unterbricht deine Argumentstion. Die Infos würde ich wenn sporadisch in deine Analyse nebenbei einfließen lassen. Das nur weil es mir in meiner Zeitungszeit so beigebracht wurde. Ansonsten gut analysiert.